Wildkräuter wecken den Porsche in dir

Quelle: Text/Fotos sm/Horst Dürrschnabel Druckerei und Verlag GmbH,
Elchesheim-Illingen

 

Baden-Baden (sm) - Auf dem Tisch stehen kleine mit Esskastanien, Wal- und Haselnüssen und Rosinen gefüllte Schalen. Eine frische Ingwerwurzel und rotbackige Äpfel locken mit ihrem Duft. Den Blickfang allerdings bildet eine große Platte, auf der sich frische Bastard-Taubnesseln, Knopfkraut, Vogelmiere, Hirtentäschel und Melde türmen. "Wildkräuter sind gesund und kraftvoll. Schon wer sie ab und zu in seinen Speiseplan
aufnimmt, hat einen großen Schritt für sich und seine Gesundheit getan", sagt Jürgen Recktenwald und lädt zum Naturfrühstück ein.

Naturfrühstück

Jürgen Recktenwald ist Naturlehrer. Seit einigen Jahren betreibt er in Baden-Baden seine Naturschule und sieht seine Berufung darin, alles, was er in und von der Natur gelernt hat, an Interessierte weiterzugeben.
Beispielsweise das Wissen über Nahrungsmittel aus der Natur.
"Der Wildpflanzensammler, der jetzt im großen Schöpfungsgarten unterwegs ist, erlebt gerade im Herbst eine ganz besondere Zeit. Während die neuen Pflanzen schon sprießen, tragen Sommerblüher Früchte und gehen in Samen", macht er deutlich und bittet zu Tisch.
Ein Schnitz Apfel mit einem Streifen frischen Ingwers, dazu eine Esskastanie und ein paar Kräuter. Ein für die meisten ungewohntes Menü, aber es schmeckt hervorragend, wie sich zeigt. Ein paar Rosinen dazu, und schon bewegt sich zwischen Gaumen und Zunge ein kaum beschreibbares, aufregendes Geschmackskaleidoskop. Die Aromen entfalten sich bei gründlichem Kauen nach und nach in ihren feinsten Nuancen und verändern sich je nach Kombination der "Zutaten".
Das Geheimnis des tollen Geschmacks liegt in den Kräutern und den Samen. Letztere werden je nach Art zwölf bis 24 Stunden in Wasser eingeweicht, dann gründlich abgespült, bevor sie verspeist werden. "Das Einweichen bewirkt, dass die Energien geweckt werden - wie in der Natur, wenn Wasser und Licht die Samen zum Austreiben bringen. Und diese Lebendigkeit kann man schmecken. Zudem steckt insbesondere in
Wildkräutern sehr viel Kraft", stellt Recktenwald heraus.
In seinen Kursen möchte er Menschen Schritt für Schritt an das Thema heranführen.
"Es braucht Zeit, sich diesem Prozess hinzugeben, den Spaß am Entdecken des Geschmacks zu entwickeln. Und es ist ein tolles Gefühl, wenn man die Kraft der Wildkräuter in sich spürt, wenn der Porsche in einem erwacht, man leistungsfähiger und körperlich und geistig viel frischer ist", weiß er aus eigener Erfahrung und auch, dass kleine Sünden - "zum Beispiel Croissants und Kaffee zum zweiten Frühstück" - durch die Wirkung der Wildkräuter ausgeglichen werden können.

Kräuter-Handmenü

Er selbst hat stets 20 bis 30 Wildkräuter parat von "ungefähr 120 verschiedenen, die im Jahr in unseren Breiten wachsen". Recktenwald rät dazu, die Umstellung der Ernährung nicht zu überstürzen. "Es gehört schon einiges an Wissen dazu. Die Kraft der Wildkräuter kann man optimal nutzen, wenn man sie kennt. Sie halten beispielsweise den Blutzuckerspiegel stabil, wirken entgiftend und vieles mehr. Beachten muss man allerdings auch, dass nicht alle Kräuter essbar, manche sogar giftig sind", mahnt Recktenwald zur aufmerksamen Eile mit Weile an.
Er selbst beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit diesem Thema.
"Ich habe einmal gelesen, dass man mehrere hundert Jahre braucht, um nur eine Pflanze genau zu kennen. Das hat bei mir in Geist und Körper eine enorme Ruhe ausgelöst. Ich bin ein ewiger Schüler der Natur", verrät der sympathische Baden-Badener, der sich als Mittler zwischen Mensch und Natur sieht.
Jürgen Recktenwald interessierte sich schon als Neunjähriger für Nahrung und Ernährung und setzte an seiner Schule sogar durch, als erster Junge am Koch-, anstatt am Werkunterricht teilnehmen zu dürfen, wie er berichtet. Später wollte er einen Weg finden, Gemüse so kraftvoll zu machen, dass es sich selbst aussät und pflegt und der
Mensch nur noch ernten muss. "Dazu habe ich in meinem Garten viele Experimente gemacht. Natürlich musste ich immer wieder jäten und bin dabei darauf gestoßen, dass es die Wildkräuter sind, die genau meine Ansprüche erfüllen. Ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt und die ungiftigen Kräuter in meine Nahrung integriert. So habe ich nach und nach ihren Geschmack und ihre Kraft entdeckt", schildert
Recktenwald seinen Weg zur Naturnahrung. Wildkräuter sind nicht nur Delikatessen aus der Natur, die den Speiseplan bereichern können, es gibt auch zahlreiche Heilkräuter,
deren Wirksamkeit nachgewiesen ist. Dazu zählen unter anderem Kamille, wilder Thymian (Quendel), Johanniskraut oder Schafgarbe, die man auf Magerwiesen finden oder im Garten selbst anbauen kann. Vor kurzem hat Recktenwald den letzten Schnitt in seinem Heilkräutergarten vorgenommen. Der Duft der getrockneten Pflanzen hüllt seine Naturschule ein.
"Einen Teil der frisch geernteten Heilkräuter verarbeite ich zu Ölen und Tinkturen, die später in Salben oder anderen Produkten Verwendung finden", so der Naturlehrer. Getrocknete Kräuter landen beispielsweise in Heukissen oder Strohmatratzen und entfalten dort ihre wohltuende Wirkung.

Kräuterauszüge

In jüngster Vergangenheit nehme das Interesse der Menschen an Natur und natürlicher Ernährung immer mehr zu. Beliebt sind Recktenwalds "Wanderausbildungen", bei denen der Naturlehrer einmal pro Monat mit seinen Schülern "essbare Landschaften" in und um Baden-Baden durchstreift. "Ich zeige Pflanzen, die gerade wachsen und essbar sind, spreche über Wirkung und Dosierung, gebe Tipps, die jeder direkt in der eigenen Küche umsetzen kann", so Recktenwald. Schmunzelnd berichtet er, dass die meisten "Neulinge" sehr überrascht sind, welche "Gourmetküche" Mutter Natur ist. Auch sein sich über drei Jahre erstreckender, aufeinander aufbauender Kurs ist sehr gefragt. "Im ersten Jahr geht es um Ernährung und Wildkräuter, im zweiten um Wellness und Wohlbefinden, im dritten um Intuition und Bewusstsein, darum, das Leben einmal aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten", macht Recktenwald neugierig. Ferner vermittelt der Naturlehrer in so genannten Kuren seine Art zu leben. "Ich habe 20 Jahre gebraucht, um die Naturnahrung so zu integrieren und zu leben, wie ich es heute tue. Schritt für Schritt", berichtet er. Es komme darauf an, das neu gewonnene Wissen zu festigen. "In diesem Gesamtprozess geht es auch viel um Annehmen und Loslassen. Essen ist viel mehr als die Versorgung des Körpers mit Nährstoffen", unterstreicht der "ewige Schüler der Natur".