Naturnachrichten Frühling 2007

Frühlingserwachen auf der Wiese - ein Genuß für alle Sinne! mit Naturlehrer Jürgen Recktenwald

Ein Beitrag von Tanja Freyer



Noch in der Nacht zuvor hat es wie aus Eimern geregnet, doch an diesem Samstagmorgen zeigt sich zwischen vereinzelten dunklen Wolken auch schon wieder die milde, wärmende Frühlingssonne - ein perfekter Morgen um zu beobachten, mit welcher Macht sich das Frühjahr seinen Weg durch das neue Jahr bahnt. Ich bin heute Morgen mit dem Naturlehrer Jürgen Recktenwald verabredet und frage mich schon gespannt, welche Wildkräuter uns auf unserem heutigen Rundgang durch die Wiesen wohl begegnen werden. Ein weiterer Aspekt macht dieses Treffen außerdem besonders spannend: einen richtigen Winter hat es dieses Jahr zum ersten Mal seit Aufzeichnung des Wetters in Deutschland nicht gegeben, wie wirkt sich das wohl auf die Natur aus, zeigen auch die Wildkräuter bereits erste Spuren eines Klimawandels?

Wir starten unseren Rundgang in Oberbeuern, im Sauersboschtal und lassen uns nach einigen Metern zum Frühstück unter einer Eiche nieder. Dort hat Jürgen die abgestorbenen Äste des Baumes in den vergangenen Wochen zu einem gemütlichen Lager aufgeschichtet, von dem aus man jetzt bequem gekeimte Eicheln finden kann. Geschält und gesäubert bilden die vor allem bei Wildschweinen heiß begehrten Samen auch für uns, zusammen mit einigen mitgebrachten Äpfeln, eine kraftvolle Grundlage für ein echtes Naturfrühstück.

Frisch gestärkt wandern wir weiter die saftig grünen Wiesen entlang und stoßen auch schon bald auf ein Kräutlein, deren Blüten in vielen Teemischungen seit jeher ein unverzichtbarer Bestandteil ist: die Schafgarbe.

Zu dieser Jahreszeit sind ihre fein gefiederten Blätter am bekömmlichsten. Einige Blättchen davon geben einem Kräutersalat ein mildes Aroma, bevor sie in wenigen Wochen einen bitteren Geschmack bekommen werden. Auf unserem weiteren Weg finden wir ein Gewächs, das schon Hildegard von Bingen in ihren Aufzeichnungen erwähnte und das in Geschmack und Aussehen an unseren Garten-Thymian erinnert: den Quendel, der genau wie seine mediterranen Verwandten die Sonne liebt und vor allem an Südhängen wächst.

Einige Zweiglein geben Gerichten und Salaten eine unvergleichliche Würze. Zwei weitere Kräuter, die quasi jedes Kind kennt und deshalb auch immer wieder in Restaurantkreisen kredenzt werden, sind der Sauerampfer und der Löwenzahn.

Jürgen Recktenwald erklärt mir, dass es wichtig ist, jede Pflanze einzeln zu sammeln und auch nur die Spitzen zu pflücken. Mit etwas Übung kommt man so mit dem Wesen der Pflanze, mit dem Wesentlichen in Kontakt. Dabei kann man erkennen, ob eine Pflanze gesund ist und die Spitzen sind der kraftvollste und gleichzeitig auch der zarteste Teil der Pflanzen. "Durch das rechte Nehmen wird die Pflanze vermehrt und gekräftigt und kann auch anderen Menschen und Tieren weiterhin als wertvolle Nahrung dienen", erklärt der Naturlehrer. Mitunter sogar lebenswichtig beim Kräutersammeln ist außerdem die Jahreszeit und natürlich die Dosierung, mit der Wildkräuter genossen werden. Im Frühjahr beispielsweise sind die frischen Pflanzen in ihrer Wirkung besonders stark und müssen daher vorsichtiger dosiert werden, sonst kann es mitunter zu Vergiftungserscheinungen kommen. Von anderen Pflanzen dürfen wiederum nur einzelne Teile zu einer bestimmten Zeit gegessen werden. Ein typisches Beispiel dafür ist das Scharbockskraut, dessen Blätter den Winter über essbar sind, das beim ersten Erscheinen der kleinen, gelben Blüten allerdings giftig wirkt. 

Eine Pflanze, die dagegen das ganze Jahr über verzehrt werden kann, ist das Labkraut. Aus der gleichen Familie stammt das Kleb- oder Klettenlabkraut, das durch seine feinen Widerhäkchen auch eine perfekte "Naturbrosche" abgibt.

Ein Würzkraut, das im Gegensatz dazu nur zwei Monate genießbar ist, ist die Knoblauchsrauke. Zusammen mit den chiliartigen Blüten des lila Wiesenschaumkrauts gibt es jedem Gericht ein äußerst pikantes Aroma. Doch aufgepasst, sensible Menschen sollten von dem Wiesenschaumkraut nur wenig nehmen!
Seit einigen Tagen ist auch das Pfennigkraut erwacht, das durch seine Blattform seinen Namen bekam, wobei Jürgen Recktenwald schmunzelnd einwirft, dass das Pfennigkraut heutzutage wohl eher "Centkraut" heißen müsse..... Wie wichtig es ist, sich vor dem Kräutersammeln genaustens fachkundig zu informieren, zeigen zwei weitere, recht bekannte Pflanzen:

das giftige Buschwindröschen links im Bild, das aufgrund seiner Blattform gerne mit dem bekömmlichen Giersch rechts im Bild und Bärlauch, der jedes Jahr immer wieder mit dem hochgiftigen Maiglöckchen verwechselt wird.

Bärlauch- und Maiglöckchenblätter sind vor der Blüte leicht zu verwechseln.
Kennt man sich jedoch wirklich mit Pflanzen aus, so kann man schnell feststellen, dass die Natur für jedes Gebrechen und jede Gemütslage ein Kraut hat wachsen lassen. Jürgen Recktenwald zeigt mir davon auf unserem heutigen Rundgang zwei besondere Exemplare: den Gundermann oder auch Gundelrebe genannt, dem man nachsagt, er heile "alte Seelenschmerzen" und das Kleinblütige Weidenröschen, das Prostatabeschwerden lindern kann, und somit eine hervorragende Wildpflanze für Männer ist. "Doch was ist jetzt mit dem Klimawandel", möchte ich zum Ende unserer Wanderung von meinem Naturlehrer wissen, "kannst Du als Experte denn schon Veränderungen in der Pflanzenwelt feststellen?" " Natürlich", antwortet Jürgen Recktenwald. "Normalerweise bereiten sich die Pflanzen im Winter auf ihr neues Wachstum im Frühjahr vor und ziehen sich etwas zurück. Durch unsere milden Winter wachsen viele Pflanzen jetzt allerdings ganzjährig. Beim Spitzwegerich und beim Sauerampfer zeigt sich dazu noch ein anderes Phänomen. Diese Wildkräuter sind durch die veränderten klimatischen Bedingungen so verwirrt, dass sie Blätter und Blüten gleichzeitig, statt nacheinander ausbilden. Dies tun Pflanzen sonst nur aus absolutem Überlebenstrieb, um noch rasch ein paar Samen zu produzieren bevor "quasi die Welt untergeht", erläutert er. "Die Natur zeigt also, dass sich etwas verändert und auch wir Menschen einem gravierenden Wandel unterworfen sein werden. Statt allerdings in Panik zu verfallen oder umgekehrt einfach nichts zu tun, sollten wir diese Veränderungen als Chance begreifen, uns weiter zu entwickeln. Gerade dabei kann uns die Natur ein vollkommener Lehrmeister sein", schließt Recktenwald seine Ausführungen.
Vielleicht haben auch Sie jetzt Lust auf Veränderung bekommen und möchten eintauchen in die Fülle, die Mutter Natur uns bietet? Der Naturlehrer Jürgen Recktenwald nimmt Sie gerne mit auf eine seiner beliebten Naturwanderungen für Groß und Klein und bietet daneben auch Wildkräuterkuren, Seminare und eine Ausbildung zum Kräutermann und zur Kräuterfrau an..... .......

Jürgen Recktenwald, www.naturlehrer.de